Neapel · Die bemalten Kirchen
Der zweite Fastensonntag, von Kirche zu Kirche: In Rom ist alles ernsthaft, hier alles lustig und wohlgemut. Eine von unten bis oben bemalte Vorderseite mit Christus, der die Händler austreibt, die Vertreibung Heliodors, ein Kapuziner, der auf einer galerieartigen Kanzel hin und her schreitet und dem Volk seine Sündhaftigkeit vorhält.
Neapel, 5. März 1787
Den zweiten Fastensonntag benutzten wir, von Kirche zu Kirche zu wandern. Wie in Rom alles höchst ernsthaft ist, so treibt sich hier alles lustig und wohlgemut. Auch die neapolitanische Malerschule begreift man nur zu Neapel. Hier sieht man mit Verwunderung die ganze Vorderseite einer Kirche von unten bis oben gemalt, über der Türe Christus, der die Käufer und Verkäufer zum Tempel hinaustreibt, welche zu beiden Seiten, munter und zierlich erschreckt, die Treppen herunterpurzeln. Innerhalb einer andern Kirche ist der Raum über dem Eingang reichhaltig mit einem Freskogemälde geziert, die Vertreibung Heliodors vorstellend. Luca Giordano mußte sich freilich sputen, um solche Flächen auszufüllen. Auch die Kanzel ist nicht immer wie anderwärts ein Katheder, Lehrstuhl für eine einzelne Person, sondern eine Galerie, auf welcher ich einen Kapuziner hin und her schreiten und bald von dem einen, bald von dem andern Ende dem Volk seine Sündhaftigkeit vorhalten sah. Was wäre da nicht alles zu erzählen!
Heute

Wahrscheinliche Zuordnungen: Luca Giordanos Vertreibung der Händler in den Girolamini (Via Duomo) und Francesco Solimenas Vertreibung Heliodors im Gesù Nuovo.
Ort: Complesso dei Girolamini, Via Duomo 142, 80138 Napoli
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Quellen
J.W. Goethe, Italienische Reise, Originaltext.
