Portici · Das Herkulanische Museum

Im Museum zu Portici darf man weder zeichnen noch notieren, und vielleicht sieht man deshalb besser. Die kleinen Häuser von Pompeji erscheinen nun voller Gebrauchsgegenstände, die zu Kunst geworden sind: ein Eimer, dessen Rand sich zum Henkel hebt, Lampen mit Masken und Ranken, Kandelaber, Hängelampen.

Neapel, 18. März 1787

In das Museum traten wir wohl empfohlen und wohl empfangen. Doch war auch uns irgend etwas aufzuzeichnen nicht erlaubt. Vielleicht gaben wir nur desto besser acht und versetzten uns desto lebhafter in die verschwundene Zeit, wo alle diese Dinge zu lebendigem Gebrauch und Genuß um die Eigentümer umherstanden. Jene kleinen Häuser und Zimmer in Pompeji erschienen mir nun zugleich enger und weiter; enger, weil ich sie mir von so viel würdigen Gegenständen vollgedrängt dachte, weiter, weil gerade diese Gegenstände nicht bloß als notdürftig vorhanden, sondern durch bildende Kunst aufs geistreichste und anmutigste verziert und belebt den Sinn erfreuen und erweitern, wie es die größte Hausgeräumigkeit nicht tun könnte.

Man sieht z. B. einen herrlich geformten Eimer, oben mit dem zierlichsten Rande, näher beschaut schlägt sich dieser Rand von zwei Seiten in die Höhe, man faßt die verbundenen Halbkreise als Handhabe und trägt das Gefäß auf das bequemste. Die Lampen sind nach Anzahl ihrer Dochte mit Masken und Rankenwerk verziert, so daß jede Flamme ein wirkliches Kunstgebilde erleuchtet. Hohe, schlanke, eherne Gestelle sind bestimmt, die Lampen zu tragen, aufzuhängende Lampen hingegen mit allerlei geistreich gedachten Figuren behängt, welche die Absicht, zu gefallen und zu ergötzen, sobald sie schaukeln und baumeln, sogar übertreffen.

In Hoffnung, wiederzukehren, folgten wir den Vorzeigenden von Zimmer zu Zimmer und haschten, wie es der Moment erlaubte, Ergötzung und Belehrung weg, so gut es sich schicken wollte.

Heute

Der Königspalast von Portici heute, vom oberen Park aus. Foto Ferdinando Scala, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0.
Der Königspalast von Portici heute, vom oberen Park aus. Foto Ferdinando Scala, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0.

Das Königsschloss Portici, im 18. Jahrhundert Sitz des Herculanense Museum; die Funde befinden sich heute im Archäologischen Nationalmuseum Neapel.

Ort: Reggia di Portici, Via Università 100, 80055 Portici (NA)

Werke und Dokumente

Der Königspalast von Portici von der Meerseite, mit dem Vesuv dahinter, anonymes Gemälde des späten 18. Jahrhunderts: der Sitz des Herculanense Museum. Gemeinfrei, Wikimedia Commons.
Der Königspalast von Portici von der Meerseite, mit dem Vesuv dahinter, anonymes Gemälde des späten 18. Jahrhunderts: der Sitz des Herculanense Museum. Gemeinfrei, Wikimedia Commons.
Bronzener Kandelaber aus Herculaneum, 1. Jahrhundert v. Chr. – 1. Jahrhundert n. Chr., Archäologisches Nationalmuseum Neapel: einer der Kandelaber, die Goethe in Portici sah. Foto Carlo Raso. Gemeinfrei, Wikimedia Commons.
Bronzener Kandelaber aus Herculaneum, 1. Jahrhundert v. Chr. – 1. Jahrhundert n. Chr., Archäologisches Nationalmuseum Neapel: einer der Kandelaber, die Goethe in Portici sah. Foto Carlo Raso. Gemeinfrei, Wikimedia Commons.

KI-Rekonstruktion

Das Herculanische Museum in Portici, 18. März 1787: der Eimer, dessen Rand sich zum Henkel hebt, Lampen mit Masken, Kandelaber. Zeichnen war hier verboten. KI-Rekonstruktion (SPUN, 2026).
Das Herculanische Museum in Portici, 18. März 1787: der Eimer, dessen Rand sich zum Henkel hebt, Lampen mit Masken, Kandelaber. Zeichnen war hier verboten. KI-Rekonstruktion (SPUN, 2026).

Quellen

J.W. Goethe, Italienische Reise, Originaltext.

  • Ort
  • Establishment Date
    1787-03-18
  • Address
    Reggia di Portici, Via Università 100, 80055 Portici (NA)
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