Neapel · Der Molo, die Lavanacht

Nachts am Molo mit einem Blick: der Mond, die Wolken, der Widerschein im Meer, die Lampen des Leuchtturms, das Feuer des Vesuvs. Am 1. Juni die Nachricht von einem starken Lavastrom gegen das Meer; nach den Abschiedsbesuchen eilig zum Molo, wo er bleibt, bis ihm die Augen zufallen.

Neapel, 30. Mai 1787

Nachts durch die Stadt spazierend, gelangt‘ ich zum Molo. Dort sah ich mit einem Blick den Mond, den Schein desselben auf den Wolkensäumen, den sanft bewegten Abglanz im Meere, heller und lebhafter auf dem Saum der nächsten Welle. Und nun die Sterne des Himmels, die Lampen des Leuchtturms, das Feuer des Vesuvs, den Widerschein davon im Wasser und viele einzelne Lichter ausgesät über die Schiffe. Eine so mannigfaltige Aufgabe hätt‘ ich wohl von Van der Neer gelöst sehen mögen.

Neapel, 1. Juni 1787

Zum 1. Juni 1787.

Der Lohnbediente, welcher mir den ausgefertigten Paß zustellte, erzählte zugleich, meine Abreise bedauernd, daß eine starke Lava, aus dem Vesuv hervorgebrochen, ihren Weg nach dem Meere zu nehme; an steileren Abhängen des Berges sei sie beinahe schon herab und könne wohl in einigen Tagen das Ufer erreichen. Nun befand ich mich in der größten Klemme. Der heutige Tag ging auf Abschiedsbesuche hin, die ich so vielen wohlwollenden und befördernden Personen schuldig war; wie es mir morgen ergehen wird, sehe ich schon. Einmal kann man sich auf seinem Wege den Menschen doch nicht völlig entziehen, was sie uns aber auch nutzen und zu genießen geben, sie reißen uns doch zuletzt von unsern ernstlichen Zwecken zur Seite hin, ohne daß wir die ihrigen fördern. Ich bin äußerst verdrießlich.

Abends.

Auch meine Dankbesuche waren nicht ohne Freude und Belehrung, man zeigte mir noch manches freundlich vor, was man bisher verschoben oder versäumt. Cavaliere Venuti ließ mich sogar noch verborgene Schätze sehen. Ich betrachtete abermals mit großer Verehrung seinen, obgleich verstümmelten, doch unschätzbaren Ulysses. Er führte mich zum Abschied in die Porzellanfabrik, wo ich mir den Herkules möglichst einprägte und mir an den kampanischen Gefäßen die Augen noch einmal recht voll sah.

Wahrhaft gerührt und freundschaftlich Abschied nehmend, vertraute er mir dann noch zuletzt, wo ihn eigentlich der Schuh drücke, und wünschte nichts mehr, als daß ich noch eine Zeitlang mit ihm verweilen könnte. Mein Bankier, bei dem ich gegen Tischzeit eintraf, ließ mich nicht los; das wäre nun alles schön und gut gewesen, hätte nicht die Lava meine Einbildungskraft an sich gezogen. Unter mancherlei Beschäftigungen, Zahlungen und Einpacken kam die Nacht heran, ich aber eilte schnell nach dem Molo.

Hier sah ich nun alle die Feuer und Lichter und ihre Widerscheine, nur bei bewegtem Meer noch schwankender; den Vollmond in seiner ganzen Herrlichkeit neben dem Sprühfeuer des Vulkans, und nun die Lava, die neulich fehlte, auf ihrem glühenden ernsten Wege. Ich hätte noch hinausfahren sollen, aber die Anstalten waren zu weitschichtig, ich wäre erst am Morgen dort angekommen. Den Anblick, wie ich ihn genoß, wollte ich mir durch Ungeduld nicht verderben, ich blieb auf dem Molo sitzen, bis mir ungeachtet des Zu- und Abströmens der Menge, ihres Deutens, Erzählens, Vergleichens, Streitens, wohin die Lava strömen werde, und was dergleichen Unfug noch mehr sein mochte, die Augen zufallen wollten.

Heute

Der Hafen von Neapel bei Nacht vom Molo Beverello aus. Foto Ra Boe, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 DE.
Der Hafen von Neapel bei Nacht vom Molo Beverello aus. Foto Ra Boe, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 DE.

Der Molo Grande, heute Molo Beverello und Stazione Marittima.

Ort: Molo Beverello, Via Acton, 80133 Napoli

Werke und Dokumente

Johann Wolfgang Goethe, der Vesuv im Ausbruch, Aquarell, 1787: das Feuer des Berges, das Goethe von der Mole aus betrachtete. Gemeinfrei.
Johann Wolfgang Goethe, der Vesuv im Ausbruch, Aquarell, 1787: das Feuer des Berges, das Goethe von der Mole aus betrachtete. Gemeinfrei.
Pietro Fabris, der nächtliche Ausbruch von 1767 von der Mole in Neapel aus, mit dem Leuchtturm, Tafel VI von William Hamiltons Campi Phlegraei, 1776. Gemeinfrei, Wikimedia Commons.
Pietro Fabris, der nächtliche Ausbruch von 1767 von der Mole in Neapel aus, mit dem Leuchtturm, Tafel VI von William Hamiltons Campi Phlegraei, 1776. Gemeinfrei, Wikimedia Commons.

KI-Rekonstruktion

Nachts auf der Mole, Ende Mai 1787: mit einem einzigen Blick der Mond, die Wolken, der Widerschein auf dem Meer, der Leuchtturm und das Feuer des Vesuvs. KI-Rekonstruktion (SPUN, 2026).
Nachts auf der Mole, Ende Mai 1787: mit einem einzigen Blick der Mond, die Wolken, der Widerschein auf dem Meer, der Leuchtturm und das Feuer des Vesuvs. KI-Rekonstruktion (SPUN, 2026).

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Quellen

J.W. Goethe, Italienische Reise, Originaltext.

  • Ort
  • Establishment Date
    1787-05-30
  • Address
    Molo Beverello, Via Acton, 80133 Napoli
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