Neapel · Der Königspalast, das Fenster zum Vesuv

Am Abend des 2. Juni bei der Herzogin von Giovane, einer jungen, gebildeten deutschen Dame. Im Halbdunkel öffnet sie einen Laden: gegenüber der Vesuv, die leuchtende Lava, die von Blitzen zerrissene Wolke, der Vollmond hinter dem Berg und die Frau im Gegenlicht. Ein solcher Abschied von Neapel konnte nicht anders sein.

Neapel, 2. Juni 1787

Und so hätte ich auch diesen schönen Tag zwar mit vorzüglichen Personen vergnüglich und nützlich, aber doch ganz gegen meine Absichten und mit schwerem Herzen zugebracht. Sehnsuchtsvoll blickte ich nach dem Dampfe, der, den Berg herab langsam nach dem Meer ziehend, den Weg bezeichnete, welchen die Lava stündlich nahm. Auch der Abend sollte nicht frei sein. Ich hatte versprochen, die Herzogin von Giovane zu besuchen, die auf dem Schlosse wohnte, wo man mich denn viele Stufen hinauf durch manche Gänge wandern ließ, deren oberste verengt waren durch Kisten, Schränke und alles Mißfällige eines Hofgarderobewesens. Ich fand in einem großen und hohen Zimmer, das keine sonderliche Aussicht hatte, eine wohlgestaltete junge Dame von sehr zarter und sittlicher Unterhaltung. Als einer gebornen Deutschen war ihr nicht unbekannt, wie sich unsere Literatur zu einer freieren, weit umherblickenden Humanität gebildet; Herders Bemühungen und was ihnen ähnelte, schätzte sie vorzüglich, auch Garvens reiner Verstand hatte ihr aufs innigste zugesagt. Mit den deutschen Schriftstellerinnen suchte sie gleichen Schritt zu halten, und es ließ sich wohl bemerken, daß es ihr Wunsch sei, eine geübte und belobte Feder zu führen. Dahin bezogen sich ihre Gespräche und verrieten zugleich die Absicht, auf die Töchter des höchsten Standes zu wirken; ein solches Gespräch kennt keine Grenzen. Die Dämmerung war schon eingebrochen, und man hatte noch keine Kerzen gebracht. Wir gingen im Zimmer auf und ab, und sie, einer durch Läden verschlossenen Fensterseite sich nähernd, stieß einen Laden auf, und ich erblickte, was man in seinem Leben nur einmal sieht. Tat sie es absichtlich, mich zu überraschen, so erreichte sie ihren Zweck vollkommen. Wir standen an einem Fenster des oberen Geschosses, der Vesuv gerade vor uns; die herabfließende Lava, deren Flamme bei längst niedergegangener Sonne schon deutlich glühte und ihren begleitenden Rauch schon zu vergolden anfing; der Berg gewaltsam tobend, über ihm eine ungeheure feststehende Dampfwolke, ihre verschiedenen Massen bei jedem Auswurf blitzartig gesondert und körperhaft erleuchtet. Von da herab bis gegen das Meer ein Streif von Gluten und glühenden Dünsten; übrigens Meer und Erde, Fels und Wachstum deutlich in der Abenddämmerung, klar, friedlich, in einer zauberhaften Ruhe. Dies alles mit einem Blick zu übersehen und den hinter dem Bergrücken hervortretenden Vollmond als die Erfüllung des wunderbarsten Bildes zu schauen, mußte wohl Erstaunen erregen.

Dies alles konnte von diesem Standpunkt das Auge mit einmal fassen, und wenn es auch die einzelnen Gegenstände zu mustern nicht imstande war, so verlor es doch niemals den Eindruck des großen Ganzen. War unser Gespräch durch dieses Schauspiel unterbrochen, so nahm es eine desto gemütlichere Wendung. Wir hatten nun einen Text vor uns, welchen Jahrtausende zu kommentieren nicht hinreichen. Je mehr die Nacht wuchs, desto mehr schien die Gegend an Klarheit zu gewinnen; der Mond leuchtete wie eine zweite Sonne; die Säulen des Rauchs, dessen Streifen und Massen durchleuchtet bis ins einzelne deutlich, ja, man glaubte mit halbweg bewaffnetem Auge die glühend ausgeworfenen Felsklumpen auf der Nacht des Kegelberges zu unterscheiden. Meine Wirtin, so will ich sie nennen, weil mir nicht leicht ein köstlichers Abendmahl zubereitet war, ließ die Kerzen an die Gegenseite des Zimmers stellen, und die schöne Frau, vom Monde beleuchtet, als Vordergrund dieses unglaublichen Bildes, schien mir immer schöner zu werden, ja ihre Lieblichkeit vermehrte sich besonders dadurch, daß ich in diesem südlichen Paradiese eine sehr angenehme deutsche Mundart vernahm. Ich vergaß, wie spät es war, so daß sie mich zuletzt aufmerksam machte, sie müsse mich, wiewohl ungerne, entlassen, die Stunde nahe schon, wo ihre Galerien klostermäßig verschlossen würden. Und so schied ich zaudernd von der Ferne und von der Nähe, mein Geschick segnend, das mich für die widerwillige Artigkeit des Tages noch schön am Abend belohnt hatte. Unter den freien Himmel gelangt, sagte ich mir vor, daß ich in der Nähe dieser größern Lava doch nur die Wiederholung jener kleinern würde gesehen haben, und daß mir ein solcher Überblick, ein solcher Abschied aus Neapel nicht anders als auf diese Weise hätte werden können.

Heute

Die Fassade des Königspalasts an der Piazza del Plebiscito heute. Foto PaestumPaestum, Wikimedia Commons, CC BY 4.0.
Die Fassade des Königspalasts an der Piazza del Plebiscito heute. Foto PaestumPaestum, Wikimedia Commons, CC BY 4.0.

Der Königspalast von Neapel an der Piazza del Plebiscito; das Zimmer ist nicht bestimmbar.

Ort: Palazzo Reale, Piazza del Plebiscito 1, 80132 Napoli

Werke und Dokumente

Die Herzogin von Giovane, nach einem deutschen Stich: die gebildete junge deutsche Dame, die am Abend des 2. Juni 1787 den Laden zum Vesuv öffnete. Tafel in Benedetto Croce, Volfango Goethe a Napoli, 1903; gemeinfrei.
Die Herzogin von Giovane, nach einem deutschen Stich: die gebildete junge deutsche Dame, die am Abend des 2. Juni 1787 den Laden zum Vesuv öffnete. Tafel in Benedetto Croce, Volfango Goethe a Napoli, 1903; gemeinfrei.
Gaspar van Wittel, der Königspalast und der Largo di Palazzo, 1706 (Cincinnati Art Museum): der Palast vor seinen Umbauten im 18. Jahrhundert. Gemeinfrei, Wikimedia Commons.
Gaspar van Wittel, der Königspalast und der Largo di Palazzo, 1706 (Cincinnati Art Museum): der Palast vor seinen Umbauten im 18. Jahrhundert. Gemeinfrei, Wikimedia Commons.

KI-Rekonstruktion

Der Abend des 2. Juni 1787 bei der Herzogin von Giovane: sie öffnet einen Laden, und es erscheinen der Vesuv mit seiner Lava, die von Blitzen zerrissene Wolke, der Vollmond. KI-Rekonstruktion (SPUN, 2026).
Der Abend des 2. Juni 1787 bei der Herzogin von Giovane: sie öffnet einen Laden, und es erscheinen der Vesuv mit seiner Lava, die von Blitzen zerrissene Wolke, der Vollmond. KI-Rekonstruktion (SPUN, 2026).

Quellen

J.W. Goethe, Italienische Reise, Originaltext.

  • Ort
  • Establishment Date
    1787-06-02
  • Address
    Palazzo Reale, Piazza del Plebiscito 1, 80132 Napoli
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