Paestum · Die dorischen Tempel

Die Abrede mit Kniep: Sie leben und reisen zusammen, er zeichnet nur, alle Konture gehören Goethe. In der wüsten Ebene erweisen sich große längliche Massen als Tempel: erst Befremden über die stumpfen, enggedrängten Säulen, dann, in weniger als einer Stunde, im Gedenken an die Kunstgeschichte, fühlt sich Goethe befreundet.

Neapel, 23. März 1787

Nun hat sich das Verhältnis zu Kniep auf eine recht praktische Weise ausgebildet und befestigt. Wir waren zusammen in Pästum, woselbst er, so wie auf der Hin- und Herreise, mit Zeichnen sich auf das tätigste erwies. Die herrlichsten Umrisse sind gewonnen, ihn freut nun selbst dieses bewegte, arbeitsame Leben, wodurch ein Talent aufgeregt wird, das er sich selbst kaum zutraute. Hier gilt es resolut sein; aber gerade hier zeigt sich seine genaue und reinliche Fertigkeit. Das Papier, worauf gezeichnet werden soll, mit einem rechtwinkligen Viereck zu umziehen, versäumt er niemals, die besten englischen Bleistifte zu spitzen und immer wieder zu spitzen, ist ihm fast eine ebenso große Lust als zu zeichnen; dafür sind aber auch seine Konture, was man wünschen kann.

Nun haben wir folgendes verabredet. Von heute an leben und reisen wir zusammen, ohne daß er weiter für etwas sorgt als zu zeichnen, wie diese Tage geschehen. Alle Konture gehören mein, damit aber nach unserer Rückkehr daraus ein ferneres Wirken für ihn entspringe, so führt er eine Anzahl auszuwählender Gegenstände bis auf eine gewisse bestimmte Summe für mich aus; da sich denn indessen bei seiner Geschicklichkeit, bei der Bedeutsamkeit der zu erobernden Aussichten und sonst wohl das Weitere ergeben wird. Diese Einrichtung macht mich ganz glücklich, und jetzt erst kann ich von unserer Fahrt kurze Rechenschaft geben.

Das Land ward immer flacher und wüster, wenige Gebäude deuteten auf kärgliche Landwirtschaft. Endlich, ungewiß, ob wir durch Felsen oder Trümmer führen, konnten wir einige große länglich-viereckige Massen, die wir in der Ferne schon bemerkt hatten, als überbliebene Tempel und Denkmale einer ehemals so prächtigen Stadt unterscheiden. Kniep, welcher schon unterwegs die zwei malerischen Kalkgebirge umrissen, suchte sich schnell einen Standpunkt, von wo aus das Eigentümliche dieser völlig unmalerischen Gegend aufgefaßt und dargestellt werden könnte.

Von einem Landmanne ließ ich mich indessen in den Gebäuden herumführen; der erste Eindruck konnte nur Erstaunen erregen. Ich befand mich in einer völlig fremden Welt. Denn wie die Jahrhunderte sich aus dem Ernsten in das Gefällige bilden, so bilden sie den Menschen mit, ja sie erzeugen ihn so. Nun sind unsere Augen und durch sie unser ganzes inneres Wesen an schlankere Baukunst hinangetrieben und entschieden bestimmt, so daß uns diese stumpfen, kegelförmigen, enggedrängten Säulenmassen lästig, ja furchtbar erscheinen. Doch nahm ich mich bald zusammen, erinnerte mich der Kunstgeschichte, gedachte der Zeit, deren Geist solche Bauart gemäß fand, vergegenwärtigte mir den strengen Stil der Plastik, und in weniger als einer Stunde fühlte ich mich befreundet, ja ich pries den Genius, daß er mich diese so wohl erhaltenen Reste mit Augen sehen ließ, da sich von ihnen durch Abbildung kein Begriff geben läßt. Denn im architektonischen Aufriß erscheinen sie eleganter, in perspektivischer Darstellung plumper, als sie sind, nur wenn man sich um sie her, durch sie durch bewegt, teilt man ihnen das eigentliche Leben mit; man fühlt es wieder aus ihnen heraus, welches der Baumeister beabsichtigte, ja hineinschuf. Und so verbrachte ich den ganzen Tag, indessen Kniep nicht säumte, uns die genausten Umrisse zuzueignen. Wie froh war ich, von dieser Seite ganz unbesorgt zu sein und für die Erinnerung so sichere Merkzeichen zu gewinnen. Leider war keine Gelegenheit, hier zu übernachten, wir kehrten nach Salern zurück, und den andern Morgen ging es zeitig nach Neapel. Der Vesuv, von der Rückseite gesehn, in der fruchtbarsten Gegend; Pappeln pyramidalkolossal an der Chaussee im Vordergrunde. Dies war auch ein angenehmes Bild, das wir durch ein kurzes Stillhalten erwarben.

Neapel, 17. Mai 1787

In einem beiliegenden Blatte sag‘ ich etwas über den Weg nach Salerno und über Pästum selbst; es ist die letzte und, fast möcht‘ ich sagen, herrlichste Idee, die ich nun nordwärts vollständig mitnehme. Auch ist der mittlere Tempel nach meiner Meinung allem vorzuziehen, was man noch in Sizilien sieht.

Heute

Die dorischen Tempel von Paestum heute, im Archäologischen Park von Paestum und Velia. Foto AlessioAg89, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0.
Die dorischen Tempel von Paestum heute, im Archäologischen Park von Paestum und Velia. Foto AlessioAg89, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0.

Der Archäologische Park von Paestum und Velia; der »mittlere Tempel«, den Goethe allem vorzieht, was er in Sizilien sehen wird, ist der Neptuntempel.

Ort: Parco Archeologico di Paestum e Velia, Via Magna Grecia 919, 84047 Capaccio Paestum (SA)

Werke und Dokumente

Christoph Heinrich Kniep, der Neptuntempel in Paestum, 1787: die Zeichnung aus dem Bund mit Goethe, wonach Kniep nur zeichnen sollte. Goethe-Nationalmuseum, Weimar; Foto Yair-haklai, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0.
Christoph Heinrich Kniep, der Neptuntempel in Paestum, 1787: die Zeichnung aus dem Bund mit Goethe, wonach Kniep nur zeichnen sollte. Goethe-Nationalmuseum, Weimar; Foto Yair-haklai, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0.

KI-Rekonstruktion

Die verlassene Ebene von Paestum am 23. März 1787, mit den gedrungenen, dicht gestellten Säulen, die Goethe zunächst missfielen: KI-Rekonstruktion (SPUN, 2026).
Die verlassene Ebene von Paestum am 23. März 1787, mit den gedrungenen, dicht gestellten Säulen, die Goethe zunächst missfielen: KI-Rekonstruktion (SPUN, 2026).

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Quellen

J.W. Goethe, Italienische Reise, Originaltext.

  • Ort
  • Establishment Date
    1787-03-23
  • Address
    Parco Archeologico di Paestum e Velia, Via Magna Grecia 919, 84047 Capaccio Paestum (SA)
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