Salerno · Das Fenster zum Golf
Abends nimmt Kniep aus den Fenstern von Salerno einen Umriss, der jede Beschreibung erspart; Goethe denkt, wie schön es gewesen wäre, hier zur Zeit der blühenden Schule zu studieren. Auf der Rückfahrt von einer Höhe Neapel in seiner Herrlichkeit, und der Knabe hinten auf dem Wagen jauchzt: »Signor, perdonate! questa è la mia patria!«
Neapel, 23. März 1787
Ein gleicher Umriß ward abends aus den Fenstern von Salern genommen, welcher mich aller Beschreibung überheben wird, einer ganz einzig lieblichen und fruchtbaren Gegend. Wer wäre nicht geneigt gewesen, an diesem Orte zu studieren, zur schönen Zeit der blühenden hohen Schule? Beim frühsten Morgen fuhren wir auf ungebahnten, oft morastigen Wegen einem Paar schön geformten Bergen zu, wir kamen durch Bach und Gewässer, wo wir den nilpferdischen Büffeln in die blutroten wilden Augen sahen.
Nun erreichten wir eine Höhe; der größte Anblick tat sich vor uns auf. Neapel in seiner Herrlichkeit, die meilenlange Reihe von Häusern am flachen Ufer des Golfs hin, die Vorgebirge, Erdzungen, Felswände, dann die Inseln und dahinter das Meer war ein entzückender Anblick.
Ein gräßlicher Gesang, vielmehr Lustgeschrei und Freudegeheul des hintenaufstehenden Knaben erschreckte und störte mich. Heftig fuhr ich ihn an, er hatte noch kein böses Wort von uns gehört, er war der gutmütigste Junge.
Eine Weile rührte er sich nicht, dann klopfte er mir sachte auf die Schulter, streckte seinen rechten Arm mit aufgehobenem Zeigefinger zwischen uns durch und sagte: „Signor, perdonate! questa è la mia patria!“ – Das heißt verdolmetscht: „Herr, verzeiht! Ist das doch mein Vaterland!“ – Und so war ich zum zweiten Male überrascht. Mir armem Nordländer kam etwas Tränenartiges in die Augen!
Heute

Die Unterkunft in Salerno wird nicht genannt; die Stadt der Schola Medica Salernitana blickt auf den Golf.
Ort: Salerno
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Quellen
J.W. Goethe, Italienische Reise, Originaltext.
