Neapel · Die Grotte des Posilipo
Am Abend des 27. Februar geht Goethe in die Grotte des Posilipo, als die untergehende Sonne hindurchscheint. Er verzeiht allen, die in Neapel von Sinnen kommen, und gedenkt des Vaters, der nie ganz unglücklich werden konnte, weil er sich immer wieder nach Neapel dachte.
Neapel, 27. Februar 1787
Gestern bracht‘ ich den Tag in Ruhe zu, um eine kleine körperliche Unbequemlichkeit erst abzuwarten, heute ward geschwelgt und die Zeit mit Anschauung der herrlichsten Gegenstände zugebracht. Man sage, erzähle, male, was man will, hier ist mehr als alles. Die Ufer, Buchten und Busen des Meeres, der Vesuv, die Stadt, die Vorstädte, die Kastelle, die Lusträume! – Wir sind auch noch abends in die Grotte des Posilipo gegangen, da eben die untergehende Sonne zur andern Seite hereinschien. Ich verzieh es allen, die in Neapel von Sinnen kommen, und erinnerte mich mit Rührung meines Vaters, der einen unauslöschlichen Eindruck besonders von denen Gegenständen, die ich heut zum erstenmal sah, erhalten hatte. Und wie man sagt, daß einer, dem ein Gespenst erschienen, nicht wieder froh wird, so konnte man umgekehrt von ihm sagen, daß er nie ganz unglücklich werden konnte, weil er sich immer wieder nach Neapel dachte. Ich bin nun nach meiner Art ganz stille und mache nur, wenn’s gar zu toll wird, große, große Augen.
Heute

Die Crypta Neapolitana, ein römischer Tunnel zwischen Mergellina und Fuorigrotta, ist vom Parco Vergiliano in Piedigrotta aus zu sehen; der Tunnel selbst ist nicht begehbar.
Ort: Parco Vergiliano, Salita della Grotta 20, 80122 Napoli
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Quellen
J.W. Goethe, Italienische Reise, Originaltext.
