Torre Annunziata · Die Laube am Meer
Den wunderlichen, halb unangenehmen Eindruck der mumisierten Stadt wäscht ein frugales Mahl unter der Laube eines kleinen Gasthofs am Meer ab. Auf dem Rückweg Häuschen, die vollkommene Nachbildungen der pompejanischen sind: dasselbe Leben nach so vielen Jahrhunderten.
Neapel, 11. März 1787
Den wunderlichen, halb unangenehmen Eindruck dieser mumisierten Stadt wuschen wir wieder aus den Gemütern, als wir, in der Laube zunächst des Meeres in einem geringen Gasthof sitzend, ein frugales Mahl verzehrten und uns an der Himmelsbläue, an des Meeres Glanz und Licht ergötzten, in Hoffnung, wenn dieses Fleckchen mit Weinlaub bedeckt sein würde, uns hier wiederzusehen und uns zusammen zu ergötzen.
Näher an der Stadt fielen mir die kleinen Häuser wieder auf, die als vollkommene Nachbildungen der pompejanischen dastehen. Wir erbaten uns die Erlaubnis, in eins hineinzutreten, und fanden es sehr reinlich eingerichtet. Nett geflochtene Rohrstühle, eine Kommode ganz vergoldet, mit bunten Blumen staffiert und lackiert, so daß nach so vielen Jahrhunderten, nach unzähligen Veränderungen diese Gegend ihren Bewohnern ähnliche Lebensart und Sitte, Neigungen und Liebhabereien einflößt.
Neapel, 13. März 1787
Wir fanden gute, muntere neapolitanische Gesellschaft daselbst. Die Menschen sind durchaus natürlich und leicht gesinnt. Wir aßen zu Torre dell‘ Annunziata, zunächst des Meeres tafelnd. Der Tag war höchst schön, die Aussicht nach Castell a Mare und Sorrent nah und köstlich. Die Gesellschaft fühlte sich so recht an ihrem Wohnplatz, einige meinten, es müsse ohne den Anblick des Meers doch gar nicht zu leben sein. Mir ist schon genug, daß ich das Bild in der Seele habe, und mag nun wohl gelegentlich wieder in das Bergland zurückkehren.
Heute

Der Gasthof mit der Laube ist nicht bestimmt; von der Küste bei Torre Annunziata sieht man Castellammare di Stabia und Sorrent.
Ort: Lungomare di Torre Annunziata (NA)
Werke und Dokumente

KI-Rekonstruktion

Quellen
J.W. Goethe, Italienische Reise, Originaltext.
