Goethe kommt in Neapel an

Es gibt einen genauen Augenblick, in dem die Reise ihr Wesen ändert.
Es ist nicht der Aufbruch aus Rom — das ist bloße Logistik, Koffer und Kutschen. Es ist auch nicht die Fahrt durch die Pontinischen Sümpfe, die Goethe sogar besser findet, als man ihm gesagt hatte. Der Augenblick ist ein anderer. Er kommt nach Capua, wenn sich die Ebene öffnet und die Luft sich verändert. Es ist ein Glück, das keiner Rechtfertigung bedarf. Es ist einfach da.
Und dann begegnet Goethe einem Mann, der das Glück dagegen begründen will.

Der Vesuv blieb uns immer zur linken Seite, gewaltsam dampfend, und ich war still für mich erfreut, daß ich diesen merkwürdigen Gegenstand endlich auch mit Augen sah

25. Februar 1787

Die Kutsche rollt zwischen grünen Weizenfeldern dahin, die schon eine Spanne hoch stehen. Pappelreihen tragen die Reben, die Ranken schweben wie Netze von Baum zu Baum. Der Himmel öffnet sich. Die Sonne brennt.

»Bei ganz rein heller Atmosphäre kamen wir Neapel näher.«

Und dann der Satz, der die ganze Reise aufwiegt:

»und nun fanden wir uns wirklich in einem andern Lande.«

Die Kutsche rollt zwischen grünen Weizenfeldern dahin, die schon eine Spanne hoch stehen. Pappelreihen tragen die Reben, die Ranken schweben wie Netze von Baum zu Baum. Der Himmel öffnet sich. Die Sonne brennt.

Nicht in einer anderen Stadt. In einem anderen Land. Wer die Reise von Rom nach Neapel gemacht hat, auch heute, weiß, wovon er spricht. Es gibt einen Punkt, an dem das Licht die Tonart wechselt, die Häuser ihre Form, die Gesten der Menschen ihr Tempo. Goethe erfasst es mit einer Genauigkeit, die etwas Körperliches hat: die Häuser mit flachen Dächern, die Menschen, die auf der Straße wimmeln, der Neapolitaner, der sich im Besitz des Paradieses glaubt und vom Norden einen sehr traurigen Begriff hat.

In Rom hatte Goethe Ende 1786 einen gewaltigen Satz geschrieben:
»ich zähle einen zweiten Geburtstag, eine wahre Wiedergeburt, von dem Tage, da ich Rom betrat«.

Das war keine Rhetorik. In Rom hatte er sich tatsächlich verwandelt. Er hatte die endgültige Fassung der Iphigenie auf Tauris vollendet, Winckelmann bis zur Besessenheit studiert, gelernt, eine Statue anzusehen, wie man ein lebendiges Gesicht ansieht.

»Die Wiedergeburt, die mich von innen heraus umarbeitet, wirkt immer fort«, hatte er aus Rom geschrieben.

Rom war die zweite Geburt gewesen — langsam, diszipliniert, ganz nach innen gerichtet.

Doch eine Geburt braucht irgendwann die Welt.
In Neapel genügt es nicht zu schauen. Man muss verstehen. Und um zu verstehen, muss man sich hingeben. Jeder Reisende kam mit seinen Vorurteilen an — Volkmanns Reiseführer sprach von dreißig- bis vierzigtausend Müßiggängern auf den Straßen —, und Goethe baut sie eins nach dem anderen ab. Einmal bleibt er stehen und beobachtet eine Schar zerlumpter Knaben, die auf einem Platz im Kreis kauern, die Hände gegen den Boden gewendet. Er versteht es nicht. Er strengt seinen Scharfsinn an. Dann erfährt er, dass ein Schmied an dieser Stelle eine Radschiene heiß gemacht hatte und der Stein die Wärme bewahrte. Die Kinder verharrten dort schweigend und wärmten sich die Hände an diesem Wenigen. Das ist nicht Elend — das ist Intelligenz. Das ist nicht Müßiggang — das ist eine Lebensform, die anderen Gesetzen folgt als denen des Nordens.

»Alles deutet dahin, daß ein glückliches, die ersten Bedürfnisse reichlich anbietendes Land auch Menschen von glücklichem Naturell erzeugt.«

Das Aufschlussreichste ist jedoch nicht, was Goethe sieht. Es ist, was Neapel mit ihm macht. In Rom ordnete er seine Tage mit Methode — morgens das Zeichnen, nachmittags die Besichtigungen, abends Winckelmann. In Neapel gerät das Programm aus den Fugen.

»Der Ort inspiriert Nachlässigkeit und gemächlich Leben«, schreibt er, und das ist keine Klage — es ist das Staunen eines Menschen, der sich verwandelt entdeckt. Neapel verlangsamt ihn. Es nimmt ihn in seinen Rhythmus auf.

»Neapel selbst kündigt sich froh, frei und lebhaft an.«

Drei Wörter, die allein Neapel gehören.

Am 26. Februar — so steht es in der Italienischen Reise — eröffnet Goethe seine erste neapolitanische Seite mit der Adresse.
»Alla Locanda del Sgr. Moriconi al Largo del Castello.«
Er schreibt sie mit dem Vergnügen dessen, der einen Klang auskostet: »Unter dieser ebenso heiter als prächtig klingenden Aufschrift würden uns Briefe aus allen vier Teilen der Welt nunmehr auffinden.« Eine kleine Eitelkeit. Ich bin angekommen. Schreibt mir hierher.
Der Largo del Castello war der große freie Platz vor dem Maschio Angioino, zum Meer hin gelegen. Das Zimmer ist wunderschön. Geräumig, an der Ecke, mit einem eisernen Balkon, der um das Gebäude herumläuft, und einem Blick auf den stets bewegten Platz. Die Decke ist mit hundert Feldern von Arabesken geschmückt — Pompeji ist nah, und man sieht es bereits.
Nur eines fehlt.
Die Heizung.

Der Februar tut in Neapel, was der Februar tut — er fragt niemanden um Erlaubnis.
»aber keine Feuerstätte, kein Kamin ist zu bemerken, und der Februar übt denn doch auch hier seine Rechte.«
Goethe ist unwohl. Er friert. Man bringt ihm einen Dreifuß mit einem flachen Becken darauf, voll zarter glühender Kohlen unter einer glatten Ascheschicht. Um sich zu wärmen, muss man die Asche mit dem Ohr eines Schlüssels wegziehen — langsam, behutsam, ohne Eile. Wer die Glut aufwühlt, um auf einen Schlag mehr Wärme zu haben, erschöpft das ganze Feuer und muss dann zahlen, um das Becken neu füllen zu lassen.
Ein Feuer, das die Ungeduld bestraft. Ein vollkommen neapolitanisches Feuer.
Gegen den eisigen Estrich eine Schilfmatte. Für den Leib keine Pelze — hier waren sie eine Seltenheit. Goethe öffnet das Gepäck und holt eine Schifferkutte hervor, die er und Tischbein aus Scherz mitgenommen hatten, ein Andenken, das sie nie ernsthaft zu gebrauchen gedacht hatten. Er zieht sie an. Er bindet sie mit einem Kofferstrick um den Leib.
»da ich mir denn als Mittelding zwischen Matrosen und Kapuziner sehr komisch vorkommen mußte.«
Als Tischbein von Besuchen bei neapolitanischen Freunden zurückkehrt, findet er den Dichter vermummt in einer mit einem Strick gebundenen Schifferkutte, auf einer Schilfmatte sitzend, vor einem Kohlenbecken, das kaum wärmte, in einem Saal mit hundert Arabesken und keinem einzigen Kamin.
Er kann sich des Lachens nicht enthalten.

In dieser Szene liegt etwas ungeheuer Tröstliches.
Goethe hatte sein ganzes Leben darauf gewartet, nach Neapel zu kommen. Sein Vater war vor ihm dort gewesen und hatte nie aufgehört, davon zu erzählen. Am 27. Februar, nachdem er bei Sonnenuntergang die Grotte des Posilipo gesehen hat, wird er einen Satz schreiben, der wiegt wie ein Stein:

»so konnte man umgekehrt von ihm sagen, daß er nie ganz unglücklich werden konnte, weil er sich immer wieder nach Neapel dachte.«

Monatelang hatte er von Rom aus mit der Ungeduld dessen nach Süden geblickt, der weiß, dass das Beste noch kommt.
Und die erste Seite, die er aus Neapel schreibt — die Kälte, das Kohlenbecken, die Kutte — ist keine Enttäuschung. Es ist Goethe, der sich selbst am Ort seiner Träume das Lächerliche nicht erspart. Große Schriftsteller wissen, dass das Erhabene und das Groteske immer nebeneinander bestehen — ja, dass sie oft ein und dasselbe sind. Die Reise des Lebens, der lang ersehnte Ort — und man sitzt da in einer mit einem Strick gebundenen Schifferkutte und bläst mit dem Ohr eines Schlüssels in ein Kohlenbecken.
Am 27. Februar erwacht er genesen. Und er schreibt den Satz, der schon alles enthält, was Neapel für ihn sein wird — den Vesuv, Pompeji, Pozzuoli, Filangieri, Hamilton, Paestum, das Meer:
»heute ward geschwelgt.«

In Rom war er ein zweites Mal geboren worden. In Neapel fand dieses neue Leben seinen Rhythmus.

Die Locanda des Signor Moriconi existiert nicht mehr. Benedetto Croce hat in seinem Volfango Goethe a Napoli von 1903 ihre genaue Lage rekonstruiert: die Häuser zwischen dem Vico delle Campane und dem Vico Sant’Antonio Abate, die Eigentümerin Teresa Prencipe, der Wirt Domenico Moriconi. Der gesamte Häuserblock wurde Ende des 19. Jahrhunderts im Zuge der großen Stadtsanierung, des Risanamento, abgerissen. Wer heute die Stelle finden will, an der sich Goethe in jene Schifferkutte hüllte, muss am Eingang der Galleria Umberto I auf der Seite der Piazza Municipio stehen bleiben.
Keine Gedenktafel erinnert an jenen Februar 1787.
Der Vesuv ist noch da. Seit 1944 bricht er nicht mehr aus — der große Kegel ist still, ohne Rauch, ohne Lavaströme. Doch er ragt genau so auf wie damals, und wer zum ersten Mal von Norden kommt, versteht noch immer auf den ersten Blick, warum Goethe »endlich« schrieb.

Quellen
J.W. Goethe, Italienische Reise
Benedetto Croce, Volfango Goethe a Napoli. Aneddoti e ritratti, Napoli, Luigi Pierro, 1903