Jakob Philipp Hackert

Manche Seiten der Italienischen Reise wirken nebensächlich und sind es nicht. Nur wenige Zeilen. Ein Nachmittagsbesuch bei einem Maler, ein Spaziergang am Meer, einige seltsame Fische, aus den Wellen gezogen. Der Tag war herrlich, die Tramontane leidlich.
»Heute besuchten wir Philipp Hackert, den berühmten Landschaftsmaler, der eines besondern Vertrauens, einer vorzüglichen Gnade des Königs und der Königin genießt. Man hat ihm einen Flügel des Palasts Francavilla eingeräumt, den er mit Künstlergeschmack möblieren ließ und mit Zufriedenheit bewohnt.«
»Es ist ein sehr bestimmter, kluger Mann, der bei unausgesetztem Fleiß das Leben zu genießen versteht.«
Ein einziger Satz, der letzte. Er klingt wie ein Aktenvermerk. In Wahrheit ist er die Antwort auf eine Frage, die sich Goethe seit Monaten stellte.

Der Golf von Neapel bei Santa Lucia – Jakob-Philipp Hackert

Um das Gewicht dieser Begegnung zu ermessen, muss man wissen, wer Hackert im Februar 1787 war.
Jakob Philipp Hackert ist neunundvierzig Jahre alt. Er stammt aus Preußen, aus Prenzlau, aus einer Malerfamilie. Er hat in Berlin studiert, ist über Paris gekommen, wo er Claude-Joseph Vernet kennenlernte — den großen französischen Landschaftsmaler — und die Lektion lernte, die sein Leben verändern sollte: nach der Natur zu malen. Seit 1768 lebt er in Italien. Fast zwanzig Jahre war er in Rom, wo er zum Bezugspunkt der Landschaftsmaler aus dem Norden wurde — Franzosen, Deutsche, Holländer, die auf den Spuren von Claude Lorrain, Poussin und Dughet die Ewige Stadt bevölkerten. 1786 ist er nach Neapel übergesiedelt, von Ferdinand IV. von Bourbon als Hofmaler berufen.
Goethe kennt ihn, noch bevor er ihn kennenlernt.
In Rom hatte er im Herbst 1786 an den Frascati-Zusammenkünften teilgenommen: Künstler und Liebhaber, die sich abends trafen, die tagsüber gezeichneten Blätter auf den Tisch legten und besprachen. Dieses System — praktisch, gemeinschaftlich, beinahe handwerklich — hatte Hackert erfunden. Hofrat Reiffenstein hatte es nach dessen Übersiedlung nach Neapel übernommen. »Diese löbliche Anstalt aber schreibt sich eigentlich von Philipp Hackert her«, wird Goethe schreiben, »welcher höchst geschmackvoll die wirklichen Aussichten zu zeichnen und auszuführen wußte.« Als Goethe am 28. Februar die Schwelle des Palazzo Francavilla an der Riviera di Chiaia überschreitet, begegnet er einem Mann, der ihn, ohne es zu wissen, bereits etwas gelehrt hatte.

Der Palazzo Francavilla ist eine der schönsten Adelsresidenzen Neapels. Im 16. Jahrhundert erbaut, im 18. erweitert, heute als Palazzo Cellamare bekannt. Hackert steht ein ganzer Flügel zur Verfügung. Das Tagebuch vermerkt — mit dem verhaltenen Neid eines Gentleman —, dass der Maler ihn »mit Künstlergeschmack möblieren ließ« und »mit Zufriedenheit bewohnt«. Übersetzt: Er lebt gut. Ein königliches Gehalt, ein repräsentatives Haus, ein privilegiertes Verhältnis zu König Ferdinand IV. und Königin Maria Carolina. Er erteilt den Prinzessinnen Zeichenunterricht. Abends wird er zu Kunstgesprächen an den Hof gebeten. Er arbeitet ohne Unterlass an der Folge der Häfen des Königreichs — einem gewaltigen Auftrag nach dem Vorbild Vernets in Frankreich, heute in Caserta bewahrt — und an den Vier Jahreszeiten für das Jagdrevier von Fusaro, die er als sein Hauptwerk betrachten wird.
Und er ist glücklich.
Das ist der Punkt. Goethe ist das nicht gewohnt. Goethe kommt von einem deutschen Hof, wo er Herzog Carl August als Geheimer Rat diente, über Bergwerke, Straßen und Finanzen wachte und zu ersticken meinte. Er war geflohen. Er hatte Weimar heimlich verlassen, war unter falschem Namen nach Italien gekommen, reiste als Philipp Müller. Die Flucht vor dem Hof war seine Art gewesen, den Künstler in sich zu retten.
Hackert blieb am Hof. Und rettete sich trotzdem.

»der bei unausgesetztem Fleiß das Leben zu genießen versteht.«

Neapel, 28. Februar 1787

Das ist keine neutrale Beschreibung. Es ist ein Programm. Goethe sieht in Hackert den Mann, der getan hat, wovon er selbst noch nicht weiß, ob es ihm gelingen wird: zwei Dinge zusammenzuhalten, die einander auszuschließen schienen. Deutsche Strenge und südliche Anmut. Arbeit und Freude. Dienst und Freiheit.
Hackert arbeitet unausgesetzt. Derselbe Zug kehrt zwei Wochen später wieder, als Goethe ihn in Caserta wiedersieht: »Immerfort beschäftigt mit Zeichnen oder Malen«. Er ist kein Dilettant, der sich die Kunst als Zeitvertreib gönnt — er ist ein Berufsmann, der jeden Tag hervorbringt, Blatt um Blatt, Landschaft um Landschaft. Und doch ist er nicht grau, nicht verbittert, nicht besessen. Er versteht das Leben zu genießen. Er weiß sich bei Hofe zu bewegen. Er weiß umgänglich zu sein. Er weiß, wie Goethe bald darauf schreiben wird, »die Menschen an sich zu ziehen, indem er einen jeden zu seinem Schüler macht«.
In deutschen Begriffen ist Hackert das Gegenbild des jungen Stürmers und Drängers — des titanischen, einsamen, rebellischen Künstlers. Er verkörpert ein anderes Modell: den Künstler als gebildeten Handwerker, eingebunden in die Gesellschaft, produktiv, heiter. Es ist das Modell, das Goethe für sich selbst zu ersehnen beginnt. Die Flucht nach Italien wird nicht mit einem endgültigen Abschied von Weimar enden — sie wird mit einer Rückkehr enden und mit einem neuen Arrangement: weniger Verwaltung, mehr Kunst und Wissenschaft, aber stets innerhalb des Hofes. Hackert ist der Prototyp dieses Arrangements. Goethe sieht ihn an und begreift, dass es möglich ist.

Bildnis des Jacob Philipp Hackert von Anna Dorothea Lisiewska

Der Nachmittag endet nicht im Palast. Hackert führt sie ans Meer, zu den Fischern. »sahen allerlei Fische und wunderliche Gestalten aus den Wellen ziehen.«
Ein scheinbar schmückender Satz. In Wahrheit eines der kleinen Wunder der Italienischen Reise. Goethe ist seit drei Tagen in Neapel. In achtundvierzig Stunden wird er zum ersten Mal den Vesuv besteigen. In drei Wochen wird er in Paestum sein. Sieben Wochen später wird ihm in einem Garten in Palermo der Gedanke der Urpflanze kommen. Der Naturforscher Goethe, der Goethe der Botanik und des Vulkanismus — er wird gerade in diesen Tagen geboren.
Und er wird, symbolisch, in Hackerts Gesellschaft geboren.
Denn Hackert war bereits, was Goethe werden sollte: ein genauer Beobachter des Wirklichen. Kein Träumer idealer Landschaften — ein präziser, wissenschaftlich verfahrender Zeichner, der botanisch richtige Pflanzen und Bäume und auf den ersten Blick erkennbare Orte verlangte. Wenn Hackert zwei Wochen später in Caserta zu Goethe seinen berühmtesten Satz sagen wird — »Sie haben Anlage, aber Sie können nichts machen« —, wird das nicht nur eine Kritik an seinem Zeichnen sein. Es wird die Übergabe einer Methode sein. Bestimmtheit der Zeichnung, Sicherheit und Klarheit der Haltung. Die drei Regeln, die für den Pinsel galten, werden bald für Goethes Blick auf die ganze Natur gelten.
Die aus den Wellen gezogenen Fische sind an jenem ersten Abend bereits eine Lektion. Hackert betrachtet sie als Maler. Goethe wird lernen, sie als Naturforscher zu betrachten. Doch die Geste ist dieselbe: sich über das Wirkliche zu beugen und sein Maß zu nehmen.

Zwanzig Jahre später, am 28. April 1807, stirbt Hackert auf einem kleinen Landgut bei Florenz, San Piero di Careggi, wohin er sich nach seiner Flucht aus Neapel während der Parthenopäischen Republik von 1799 zurückgezogen hatte. Er hinterlässt genaue Verfügungen: Seine autobiographischen Aufzeichnungen sollen an Goethe gehen.
Die Papiere erreichen Weimar am 5. Juni. Goethe liest sie am 7. und 8. Schon am 29. und 30. Juni veröffentlicht er einen ersten Auszug im Morgenblatt für gebildete Stände. Vier Jahre später, 1811, erscheint in Tübingen bei J.G. Cotta der vollständige Band: Philipp Hackert. Biographische Skizze, meist nach dessen eigenen Aufsätzen entworfen.
Es ist das einzige Buch, das Goethe je dem Leben eines anderen Künstlers gewidmet hat. Nicht Winckelmann, nicht Tischbein. Hackert.
In dieser Wahl, postum und still, liegt der Sinn jenes Nachmittags des 28. Februar 1787. Goethe war nicht einem Maler begegnet. Er war einer Möglichkeit des Lebens begegnet. Und er hat sie zwanzig Jahre später mit dem Geschenk vergolten, das ein Schriftsteller einem toten Freund machen kann: sich seiner schriftlich zu erinnern.

Der Palazzo Francavilla steht noch immer an der Riviera di Chiaia. Heute heißt er Palazzo Cellamare. Keine Gedenktafel erinnert daran, dass hier der deutsche Maler eines Bourbonenkönigs wohnte oder dass an einem Februarnachmittag des Jahres 1787 ein Reisender inkognito, der sich Müller nannte, die Treppe hinaufstieg. Die Riviera di Chiaia ist noch immer wunderschön. Und die Fischer ziehen manchmal noch immer wunderliche Gestalten aus den Wellen.

Quellen
J.W. Goethe, Italienische Reise (Einträge vom 15. November 1786, 28. Februar und 14.-16. März 1787)
J.W. Goethe, Philipp Hackert. Biographische Skizze, meist nach dessen eigenen Aufsätzen entworfen, J.G. Cotta, Tübingen 1811
W. von Löhneysen, Artikel »Hackert, Philipp« in Neue Deutsche Biographie 7 (1966), S. 410-411
Wolfgang Krönig u. a., Jakob Philipp Hackert. Der Landschaftsmaler der Goethezeit, Köln-Weimar-Wien 1994
Claudia Nordhoff, Jakob Philipp Hackert 1737-1807. Verzeichnis seiner Werke, 2 Bde., Berlin 1994
H. Frank, Artikel »Philipp Hackert« in Goethe-Handbuch, hg. von B. Witte und P. Schmidt, J.B. Metzler, Stuttgart 1997