Es gibt Tage in der Italienischen Reise, an denen Goethe gewinnt, und andere, an denen er verliert. Den 2. März 1787 verliert er, zumindest was das Schauspiel betrifft: Er steigt auf den Vesuv, um ihn zu sehen, doch der Vulkan verweigert ihm den Anblick, den er suchte. »Den 2. März bestieg ich den Vesuv, obgleich bei trübem Wetter und umwölktem Gipfel.«
Schon der erste Satz sagt alles. Obgleich. Das Wetter war schlecht, der Gipfel in Wolken gehüllt, und Goethe stieg trotzdem hinauf. Das ist nicht Leichtsinn. Das ist Hunger. Seit seiner Ankunft in Neapel — kaum fünf Tage sind vergangen — ist der Vesuv das, was er vor allem anderen verstehen will. Er hatte ihn von fern gesehen, aus der Kutsche, »gewaltsam dampfend«. Jetzt will er auf ihm stehen.

Dazu folgt er dem Weg, den alle Reisenden des 18. Jahrhunderts kannten. Mit dem Wagen bis Resina — dem heutigen Ercolano —, dann auf dem Rücken eines Maultiers durch die Weingärten, die an der Flanke des Vulkans emporsteigen. Diese Weingärten brachten schon damals den Lacryma Christi hervor und wuchsen auf einem der fruchtbarsten Böden Europas: zersetzter vulkanischer Asche. Der Vesuv tötete und schenkte zugleich Leben. Goethe verzeichnet es ohne Kommentar, doch wer diese Hänge heute zwischen denselben Reben hinaufsteigt, begreift sofort, was er sah.
Von einem bestimmten Punkt an steigt man vom Maultier. Man geht zu Fuß.
»nun zu Fuß über die Lava vom Jahre Einundsiebenzig, die schon feines, aber festes Moos auf sich erzeugt hatte; dann an der Seite der Lava her.«
Die Lava von Einundsiebzig. Sechzehn Jahre zuvor. Es ist der große Strom vom Mai 1771, der Pietro Fabris zu der berühmten nächtlichen Ansicht des Lavastroms anregte, später in Sir William Hamiltons Campi Phlegraei veröffentlicht. Jene Lava war nach Resina hinabgeflossen, an eben dem Hang, an dem Goethe nun geht. Das Moos auf dem Stein bedeutet, dass die Natur ihre Arbeit wieder aufgenommen hatte. Sechzehn Jahre — und schon Moos.
Es liegt etwas Schwindelerregendes in diesem Detail, das Goethe ohne Nachdruck festhält. Er geht auf einem jungen Ausbruch. Er geht auf lebendiger, erkalteter Materie. Er geht über eine zu Stein gewordene Feuerflut.

Weiter oben kommt er an der Hütte des Einsiedlers vorbei — eines Franzosen, der dort fünfzehn Jahre leben sollte. Sie war eine übliche Station der Reisenden. Goethe lässt sie »links auf der Höhe« liegen, ohne anzuhalten. Er ist nicht des Lokalkolorits wegen gekommen.
Dann beginnt der große Aschenkegel.
»Ferner den Aschenberg hinauf, welches eine sauere Arbeit ist.«
Wer den Vesuv bestiegen hat, weiß, was das heißt. Jeder Schritt sinkt ein. Für jeden gewonnenen Meter verliert man einen halben. Die Asche gibt unter den Schuhen nach wie nasser Sand. Es ist die undankbarste Mühe, die ein Berg auferlegt — nicht der steile Anstieg, nicht die Höhe, sondern der Boden, der nicht trägt. Sauer — welch genaues Wort.
Sie erreichen den Gipfel. Und hier beginnt die Niederlage.
»Zwei Dritteile dieses Gipfels waren mit Wolken bedeckt.«
Zwei Drittel. Goethe ist bis oben auf den Kegel gelangt und sieht nichts. Die Wolken stecken im Krater. Der Berg sagt ihm nein.
Doch Goethe steigt nicht ab. Er sucht einen anderen Weg.
Er findet den alten, nun mit jungen Laven ausgefüllten Krater. Er untersucht sie, er datiert sie: »von zwei Monaten vierzehn Tagen«. Und er vermerkt auch »eine schwache von fünf Tagen schon erkaltet«. Er notiert die Daten wie ein Ermittler am Tatort. Es ist lebendige, frische Materie, eben erst noch warm. Fünf Tage zuvor — am 25. Februar — floss hier Lava, während Goethe zum ersten Mal in Neapel einfuhr.
Der Vulkan und er waren zur selben Verabredung gekommen, mit fünf Tagen Abstand.
Er steigt über einen Hügel, der aus allen Enden dampft. Der Wind treibt den Rauch in die Gegenrichtung — ein Glücksfall, fast eine Einladung. Goethe nutzt ihn. Er will den wirklichen Krater sehen. Er geht voran.
»Wir waren ungefähr funfzig Schritte in den Dampf hinein, als er so stark wurde, daß ich kaum meine Schuhe sehen konnte.«
Fünfzig Schritte. Dann dreht der Wind. Der Rauch schließt sich um ihn. Goethe sieht nicht einmal mehr die eigenen Schuhe. Das vorgehaltene Schnupftuch hilft nichts. Der Führer ist im Nebel verschwunden. Unter den Füßen liegen »ausgeworfene Lavabröckchen« — das Wort ist sein eigenes —, die Tritte sind unsicher.
Und hier tut Goethe etwas, das der romantische Dichter nicht getan hätte. Er bleibt stehen. Er kehrt um.
»ich fand für gut, umzukehren und mir den gewünschten Anblick auf einen heitern Tag und verminderten Rauch zu sparen.«
Ich fand für gut. Kein Epos, kein Erhabenes, keine heroische Flucht. Nur das klare Urteil eines Mannes, der lernt, wie man mit einem Vulkan umgeht: mit Vorsicht. Überdies, fügt er gleich hinzu, weiß er nun, wie schlecht es sich in solcher Atmosphäre Atem holt. Auch die Niederlage ist eine Lektion. Vor allem die Niederlage ist eine Lektion.
Und da ist der Satz, der alles verändert.

»Ich habe ihn nun rekognosziert, um ihn förmlich, sobald das Wetter gut werden will, zu belagern.«
Um ihn förmlich zu belagern. Das ist keine literarische Übertreibung: Es ist ein bewusst militärisches Vokabular. Goethe spricht nicht mehr als Tourist, nicht einmal mehr nur als Dichter. Er spricht als Feldherr. Der Vesuv ist zum Gegner geworden — nicht im feindseligen, sondern im erkennenden Sinn. Ein Problem, das einzuschließen, zu erkunden und schließlich zu begreifen ist. Die erste Besteigung war kein gescheiterter Ausflug. Sie war eine Erkundung.
In diesem Verb — rekognoszieren — kündigt sich eine Geburt an.
Von Rom aus hatte Goethe Italien bis zu diesem Augenblick vor allem als Künstler und Humanist betrachtet. Die Ruinen, die Statuen, Raffaels Gemälde, die umzuarbeitende Iphigenie. Auf dem Vesuv hingegen betrachtet er eine Naturerscheinung mit einer anderen Haltung: Er beobachtet, vergleicht, misst, verzichtet, plant die Rückkehr. Das Wort »belagern« ist kein Pathos: Es ist eine Methode.
Goethe wird noch zweimal auf den Vesuv zurückkehren: am 6. März mit Tischbein, als er in der Pause zwischen zwei Auswürfen den Kraterrand erreicht und unter einem Regen von Lapilli und Asche fliehen muss; und am 20. März allein, um einem Lavastrom in Richtung Ottaviano zu folgen und über die glühende Steindecke zu gehen, die sich über dem Feuerstrom bildet. Drei Besteigungen. Drei Versuche. Drei fortschreitende Siege über dasselbe Problem. Belagerung ist das genaue Wort.

Tafel 9 aus Campi Phlegraei: Observations on the Volcanoes of the Two Sicilies von Sir William Hamilton, 1776
Doch in jener ersten, verlorenen Besteigung liegt noch etwas. Etwas, das der eilige Leser nicht sieht.
Goethe kommt nicht mit leeren Händen vom Berg. Er bringt eine Hypothese mit.
In den letzten Absätzen des Eintrags, nachdem er vom Rauch, vom Rückzug, von seinen Vorsätzen erzählt hat, schreibt er:
»Ein Phänomen hab‘ ich aber entdeckt, das mir sehr merkwürdig schien und das ich näher untersuchen, nach welchem ich mich bei Kennern und Sammlern erkundigen will.«
Es handelt sich um eine tropfsteinförmige, grauliche Bekleidung an dem, was er eine »vulkanische Esse« nennt. Und dann der Satz, der es verdient, langsam wiedergelesen zu werden:
»Dieses feste, grauliche, tropfsteinförmige Gestein scheint mir durch Sublimation der allerfeinsten vulkanischen Ausdünstungen ohne Mitwirkung von Feuchtigkeit und ohne Schmelzung gebildet worden zu sein; es gibt zu weitern Gedanken Gelegenheit.«
Sublimation vulkanischer Ausdünstungen. Ohne Mitwirkung von Feuchtigkeit und ohne Schmelzung. Das ist ein technischer Satz. Das ist eine Kausalhypothese. Es ist einer der ersten Momente der Vesuv-Erzählung, in dem Goethe von der Beschreibung des Phänomens zur Formulierung eines möglichen Mechanismus übergeht. Kein bloßer Eindruck, keine Empfindung: ein Erklärungsvorschlag für das Wie.
Und es muss gesagt werden: Seine Intuition kam der modernen Erklärung im Prinzip bemerkenswert nahe. Viele Fumarolenkrusten entstehen tatsächlich durch unmittelbare Abscheidung mineralischer Phasen aus heißen vulkanischen Gasen, ohne eine flüssige Phase zu durchlaufen. Goethe konnte ihre mineralogische Zusammensetzung mit den Mitteln der späteren Wissenschaft nicht bestimmen, doch er hatte den wesentlichen Punkt mit außerordentlicher Genauigkeit erfasst: Die Ablagerung entstand weder aus Wasser noch aus Schmelze, sondern aus Ausdünstungen.

Drei Jahre später, 1790, erscheint in Gotha bei Carl Wilhelm Ettinger ein kleines Buch von 86 Seiten: Versuch die Metamorphose der Pflanzen zu erklären. Es wird Goethes erstes selbständiges naturwissenschaftliches Werk sein. Von da an bis zu seinem Tod wird er über Optik, Mineralogie, vergleichende Anatomie, Geologie und Meteorologie schreiben. Die Farbenlehre wird das naturwissenschaftliche Werk sein, an das er einen entscheidenden Teil seiner geistigen Identität bindet.
Der Naturforscher Goethe wird nicht nur hier geboren. Er hat bereits anatomische, mineralogische und botanische Interessen hinter sich; und er wird an anderen Orten erneut geboren werden: in einem botanischen Garten in Padua, in einem öffentlichen Garten in Palermo, auf den Felsen von Paestum. Aber vielleicht nimmt diese Haltung hier, auf dem Vesuv, zum ersten Mal eine exemplarische erzählerische Gestalt an: Beobachtung, Scheitern, Hypothese, Rückkehr.
Sie wird auf einem Aschenkegel geboren, inmitten eines Rauchs, der ihm den Blick auf die eigenen Schuhe raubt, vor einem Vulkan, der sich nicht zeigen will. Sie wird genau in dem Augenblick geboren, in dem ein siebenunddreißigjähriger deutscher Dichter, von einer Wolke besiegt, beschließt, nicht aufzugeben, und — ruhig, in einer fast kühlen Syntax — notiert, er wolle ihn förmlich belagern.
Goethe war nicht nur des Erhabenen wegen zum Vesuv gekommen. Er war gekommen, um zu verstehen. Und als er es nicht konnte, richtete er sich darauf ein, wiederzukommen.
So wird Wissenschaft gemacht. So ist sie, oft genug, immer gemacht worden.
Der Vesuv von 1787 gehörte zu der langen Phase anhaltender Aktivität, die nach dem großen Ausbruch von 1631 begann und mit dem Ausbruch von 1944 endete, der diesen Eruptionszyklus abschloss und die Gestalt des Gipfelkraters tiefgreifend veränderte. Die »Hütte des Einsiedlers«, an der Goethe vorbeikam, stand unweit der Stelle, an der zwischen 1841 und 1845 das Osservatorio Vesuviano errichtet werden sollte: das erste vulkanologische Observatorium der Welt. Wer heute zum Gipfelkegel aufsteigt, kommt auf dem Weg zum Krater zweimal daran vorbei.
Quellen
J.W. Goethe, Italienische Reise, Eintrag vom 2. März 1787.
J.W. Goethe, Italienische Reise, Hamburger Ausgabe, Bd. XI.
J.W. Goethe, Versuch die Metamorphose der Pflanzen zu erklären, Gotha, Carl Wilhelm Ettinger, 1790.
William Hamilton, Campi Phlegraei. Observations on the Volcanos of the Two Sicilies, Neapel, 1776.
Pietro Fabris, vulkanologische Ansichten für William Hamiltons Campi Phlegraei , insbesondere die Darstellung des Lavastroms vom Mai 1771 in Richtung Resina.
Boris Behncke u. a., Vesuvio: Activity from 1632 until 1794, Universität Catania, historisch-eruptive Datenbank.
Roberto Scandone, Lisetta Giacomelli, Vesuvius and Vesuvians: A Geophysical Story, in Journal of Volcanology and Geothermal Research, Elsevier.
H. Frank, Artikel »Naturwissenschaftliche Schriften«, in Goethe-Handbuch, J.B. Metzler, Stuttgart, 1996-1997.






