Glück – Die Begegnung mit Filangieri

Neapel, März 1787. Goethe ist seit etwa zehn Tagen in der Stadt, und das Glück ist überall. Nicht das der Philosophen — das der Sinne. Der rauchende Vesuv, die lärmenden Märkte, die Vollmondnächte an der Uferpromenade der Chiaja, wo — so notiert er — »einen wirklich das Gefühl von Unendlichkeit des Raums« übernimmt. Nach Rom, wo »alles höchst ernsthaft ist«, ist Neapel das Gegenteil: »so treibt sich hier alles lustig und wohlgemut«. Selbst die Kirchen scheinen zur Unterhaltung gemacht. Ein Kapuziner schreitet auf einer Kanzel, breit wie eine Galerie, hin und her und hält dem Volk »seine Sündhaftigkeit« vor, mit der Miene eines Schauspielers auf der Bühne.
Es ist ein Glück, das keiner Rechtfertigung bedarf. Es ist einfach da.
Und dann begegnet Goethe einem Mann, der das Glück dagegen begründen will.
Er stellt ihn mit einer gewissen Zurückhaltung vor, fast beiläufig. »Von einem trefflichen Manne, den ich diese Tage kennen gelernt, muß ich kürzlich das Allgemeinste erwähnen. Es ist Ritter Filangieri, bekannt durch sein Werk über die Gesetzgebung.« Das ist nicht der Auftakt eines heroischen Porträts. Es ist der Ton privater Korrespondenz — der Ton dessen, der nicht übertreiben will und doch nicht schweigen kann.

Innenansicht des Palazzo Filangieri d’Arianello in der Via Atri

Dann folgt der entscheidende Satz: »Er gehört zu den ehrwürdigen jungen Männern, welche das Glück der Menschen und eine löbliche Freiheit derselben im Auge behalten.«

Glück. Nicht Wohlstand, nicht Fortschritt, nicht öffentliche Ordnung. Glück. Das Wort bezeichnet im Deutschen zugleich die Glückseligkeit und das günstige Geschick, als wären beide untrennbar. Für Filangieri aber ist das Glück kein Geschick. Es ist ein Vorhaben. Die gesamte Scienza della Legislazione — deren Veröffentlichung 1780 begann — beruht auf einem Gedanken, der heute selbstverständlich klingt, im 18. Jahrhundert aber Sprengkraft besaß: Die Gesetze sind nicht dazu da, die Macht zu erhalten, sondern Glück hervorzubringen. »Die guten Gesetze sind die einzige Stütze des Glücks der Nation«, schreibt Filangieri. Und dieses Glück der Nation ist keine Abstraktion: Es ist die Summe des Glücks der einzelnen Bürger. Jeder Einzelne zählt. Jeder Mensch hat ein Recht darauf, dass es ihm wohl ergeht.

Gaetano Filangieri ist vierunddreißig Jahre alt. Er ist adlig, Neapolitaner, bereits in ganz Europa berühmt — 1787 vermutlich berühmter als Goethe selbst. Die Scienza della Legislazione ist ins Französische, Spanische, Deutsche und Englische übersetzt. Benjamin Franklin besitzt zwei Exemplare in seiner Privatbibliothek und steht mit ihm in direktem Briefwechsel — während auf der anderen Seite des Ozeans eine Verfassung geschrieben wird, die in ihrer Präambel das pursuit of happiness verankern wird, das Recht, nach Glück zu streben. Das ist kein Zufall. Filangieris Ideen überqueren den Atlantik vor ihm.
Und doch lebt er in Neapel, im väterlichen Palast am Largo Arianiello, in dem, was Goethe wenige Tage später »anständige Einschränkung« nennen wird. Er ist kein reicher Mann. Er ist ein Mann, der groß denkt.
Was Goethe beeindruckt, ist nicht der Ruhm. Es ist die Haltung.
»An seinem Betragen kann man den Soldaten, den Ritter und Weltmann erkennen, gemildert ist jedoch dieser Anstand durch den Ausdruck eines zarten sittlichen Gefühls, welches, über die ganze Person verbreitet, aus Wort und Wesen gar anmutig hervorleuchtet.«
Es ist ein genaues Porträt. Filangieri ist nicht der abstrakte Intellektuelle, der ins Leere räsoniert. Seine Ideen bewohnen den Körper, treten aus der Stimme hervor, lassen sich an der Art ablesen, wie er eine Hand drückt oder seine Worte wählt. Goethe — der sich auf Physiognomien versteht — erkennt etwas Seltenes: den Gedanken, der Gegenwart geworden ist. Als stünde das Glück, das Filangieri in seinen Büchern theoretisch entwirft, ihm bereits ins Gesicht geschrieben.

Dann der Politiker.
Filangieri ist »seinem Könige und dessen Königreich im Herzen verbündet«, billigt aber nicht alles, was im Reich geschieht. Und es gibt etwas, das ihn wirklich ängstigt: den Schatten Josephs II. von Österreich, dem viele in Neapel Absichten auf Italien zutrauen. »Das Bild eines Despoten, wenn es auch nur in der Luft schwebt, ist edlen Menschen schon fürchterlich.«
Der Despot ist das genaue Gegenteil des filangierischen Glücks. Der Despot entscheidet für alle. Das Glück hingegen gehört den Einzelnen — und gerechte Gesetze schützen es. Deshalb spricht Filangieri mit Goethe »ganz offen« darüber, was Neapel zu fürchten habe. Das ist nicht Angst. Das ist Klarsicht.
Er unterhält sich über Montesquieu, über Beccaria, über seine eigenen Schriften. Stets, so notiert Goethe, »in demselben Geiste des besten Wollens und einer herzlichen jugendlichen Lust, das Gute zu wirken«.
Dieses Wort — jugendlich — ist nicht zufällig. Filangieri ist vierunddreißig und denkt, als wäre die Welt noch ganz zu errichten. Das Gute, das zu wirken, das Glück, das zu begründen ist. Nicht als Utopie, sondern als Ingenieurskunst: Gesetz um Gesetz, Artikel um Artikel.

Dann kommt Vico.
An einem bestimmten Punkt des Gesprächs bringt Filangieri einen Namen ins Spiel: Giovan Battista Vico — ein neapolitanischer Philosoph des vorangegangenen Jahrhunderts, damals außerhalb Italiens nahezu unbekannt. Seine Scienza Nuova, mehr als sechzig Jahre zuvor erschienen, hat noch keine deutsche Übersetzung — sie wird sie erst 1924 durch Erich Auerbach erhalten. Und doch stellen ihn »diese neuern italienischen Gesetzfreunde« über Montesquieu. Das Buch wird Goethe »als ein Heiligtum« überreicht.

Goethe blättert darin. Er gewinnt einen schrägen Eindruck: Er erblickt darin »sibyllinische Vorahnungen des Guten und Rechten, das einst kommen soll oder sollte, gegründet auf ernste Betrachtungen des Überlieferten und des Lebens.« Vielleicht versteht er nicht alles. Aber er versteht die Geste. Filangieri ist nicht nur ein weltbürgerlicher Aufklärer mit dem Blick auf Paris und Philadelphia. Er ist auch der Hüter von etwas Älterem und Tieferem — einer Denktradition, die aus der Tiefe des Südens zu erklären sucht, wie Völker entstehen, wachsen, das Gute suchen. Einer Philosophie, die das Glück nicht von der Geschichte trennt.
»Es ist gar schön, wenn ein Volk solch einen Ältervater besitzt«, schreibt Goethe. Und er fügt hinzu, den Deutschen werde einst Hamann »ein ähnlicher Kodex« werden.

Bevor er die Seite schließt, eine letzte Notiz.
»Er mag noch in den Dreißigen stehen.«
Goethe schreibt es, wie man ein Detail vermerkt. Eine Sache unter anderen. Sechzehn Monate später, am 21. Juli 1788, stirbt Gaetano Filangieri in Vico Equense an der Schwindsucht. Er ist fünfunddreißig. Die Scienza della Legislazione bleibt unvollendet — von den sieben geplanten Büchern hat er vier und einen Teil des fünften abgeschlossen.
Das Glück der Menschen, das er im Auge behielt, bleibt ein offenes Vorhaben. Doch Filangieri wusste es. Er hatte es selbst geschrieben: »Der Philosoph muss der Apostel der Wahrheit sein. Wenn das Licht, das er verbreitet, seinem Jahrhundert und seinem Vaterland nicht nützt, so wird es gewiss einem anderen Jahrhundert und einem anderen Land nützen.«