Die Abreise nach Neapel

Ohne sich von jemandem zu verabschieden und unter falschem Namen stiehlt sich Goethe im Spätsommer 1786 um drei Uhr früh aus Karlsbad und reist nach Süden. In Rom bezieht er eine Wohnung, die einer deutschen Künstlerkommune nahekommt. Johann Heinrich Wilhelm Tischbein — Maler, Gefährte jeder römischen Entdeckung und sein Mitbewohner in der Via del Corso 18 — zeichnet ihn unablässig: lesend, auf einem Stuhl balancierend, oder mit ausgestrecktem Arm, als wäre er mitten in einem Tanz. Und eines Morgens hält er ihn so fest: von hinten, in Pantoffeln, aus dem Fenster gelehnt. Draußen liegt Rom. Drinnen steht ein Mann, der aufgehört hat zu fliehen, und der neu geboren ist.

Besonders liest sich Geschichte von hier aus ganz anders als an jedem Orte der Welt. Anderwärts liest man von außen hinein, hier glaubt man, von innen hinaus zu lesen, es lagert sich alles um uns her und geht wieder aus von uns.

Rom, 1786

Heute ist jene Wohnung die Casa di Goethe — das einzige deutsche Museum im Ausland. Das Fenster ist noch da. Und wer immer davor stehen bleibt — Tourist, Studentin, zufälliger Passant —, wiederholt, ohne es zu wissen, dieselbe uralte Geste: hinauszuschauen und sich im Innern wiederzufinden.